Liebe Leser,

die amerikanischen Rinderzüchter, so hören und lesen wir gerade, gehen auf die Barrikaden, weil sie um ihre Betriebe fürchten. Auch in den USA ist das „fleischlose Fleisch“ auf dem Vormarsch. Es soll dort inzwischen vegane Hamburger geben, die fast so munden wie eine echte Frikadelle und auf sanften Druck eine rötliche Flüssigkeit absondern, die aussieht wie Bratensaft. Noch schmeckt diese aber wie Rote-Beete-Sirup. Da werden im Verfasser Erinnerungen wach. Als er im Winter 1967 in München das Studium der Tiermedizin aufnahm, erzählte ein Professor Erbersdobler den staunenden Studenten gleich in der ersten Physiologie-Vorlesung, dass man demnächst gar keine Veterinäre mehr bräuchte, denn künftig käme das Fleisch aus dem Reagenzglas. „TVP-Fleisch“, sagte er stolz, „‘textured vegetable protein‘. Ein Sojabohnen-Extrakt mit Zusätzen, über Düsen so versponnen, dass er sich kaut wie Fleichfasern.“ Zum Beweis ließ er Gläser herumgehen, die drei Geschmacksproben enthielten: Rind, Hühnchen und Schinken. Die trockenen, schuppigen Proben sahen nicht besonders appetitlich aus; nachdem wir daran gerochen und sie vorsichtig gekostet hatten, waren wir uns sicher: Vorerst müssten wir wohl keine Existenzängste haben.
Das scheint nun doch anders zu werden. Die Industrie ist wild entschlossen, den Landwirten das Heft aus der Hand zu nehmen und „Laborfleisch“ zu produzieren. Im übernächsten Jahr würden weltweit 5,2 Milliarden Dollar für Fleischersatz ausgegeben, prophezeihen laut „Süddeutscher Zeitung“ die Marktforscher. Auf dem Fischsektor hat sich ähnliches noch nicht getan. Jedenfalls hat man nichts davon gehört, obwohl die kreisrunden „Fischburger“ und die länglichen „Fischstäbchen“ inzwischen ein Innenleben haben, das von schierem, reinem Fischfleisch doch schon recht weit entfernt zu sein scheint. Aus Sicht von uns Fischern und Teichwirten steuern unser Staat und seine Regierung inzwischen Ziele an, die wir nicht mehr so recht nachvollziehen können. Einerseits beschwört man die Globalisierung, die Europäische Union und den Freihandel, sperrt aber die Durchgangsstraßen der großen Städte für den Verkehr. Man gründet ein „Heimatministerium“, man setzt auf heimische Produkte und regionale Vermarktung – aber wehe, eine unternehmungslustige, junge Familie wollte eine neue Teichwirtschaft gründen oder eine Alte modernisieren und erweitern: Die Bürokratie überschlägt sich geradezu in dem Bemühen, es den Existenzgründern möglichst schwer zu machen. Man gewährt Schädlingen, die nichts im Sinn haben als unsere Fischbestände zu dezimieren, Vollschutz und erklärt sie zu Heiligtümern; dem Bodensee dreht man die Nährstoffzufuhr so komplett ab, dass Plankton, Muscheln und Fische verhungern und wenn sich ein paar Fischer darüber aufregen, nimmt man ihnen die Patente weg. „Der Trend geht zum zertifizierten, regionalen Bio-Fisch“, hören wir aufmunternd von staatlichen Stellen. Aber wenn wir für unsere Ammersee-, Bodensee- oder Chiemseerenken ein solches Label wirklich wollten, bekämen wir es nicht. „Ein zertifizierter ‚Bio-Fisch‘ kann nur sein, der zertifiziertes Futter gefressen hat“, so hören wir. „Das Plankton der bayerischen Voralpenseen gehört nicht dazu!“ Das klingt alles ein bisschen nach Aprilscherz, ist aber die bestürzend machende Wirklichkeit. Was tun?
Der Unterfertigte, der seit nunmehr fast vierzig Jahren mit „seinen“ Fischern und Teichwirten durch dick und dünn geht, rät: Nicht ruhig bleiben und zusehen, wie Dritte das ruinieren, was unsere Vorfahren aufgebaut und wir weitergeführt haben. Laut sein, unbequem sein, Verständnis und Unterstützung dafür einfordern, dass man sich bemüht, unsere Heimat einmalig, schön, gesund, autark und lebenswert zu erhalten. Wir freuen uns sehr auf die gedeihliche Zusammenarbeit mit unserem künftigen, dafür zuständigen Bundesminister!

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Peter Wißmath